Content Shock: Wenn mehr Inhalte im B2B weniger Wert schaffen
Viele Teams produzieren immer mehr neuen Content. Das wirkt fleißig. Und kaum jemand stellt die Frage: Erreichen wir damit auch etwas? Warum Content-Inflation zum strategischen Problem wird und wie B2B-Teams ihre Inhalte wieder relevant machen.
Von Bernhard Fragner und Martin Schwarz
Noch nie war es so einfach, Inhalte zu produzieren: Ein Thema ist schnell recherchiert, ein Beitrag formuliert und SEO unterzogen, ein Bild erstellt und der nächste Redaktionsslot gefüllt. Künstliche Intelligenz beschleunigt diesen Prozess zusätzlich. Was früher Tage dauerte, entsteht heute in wenigen Stunden oder Minuten.
Das klingt zunächst nach einem klaren Vorteil. Doch viele Teams in Content-Marketing und Kommunikation beobachten das Gegenteil: Die Redaktionspläne sind voll, die Veröffentlichungsfrequenz steigt, aber Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit, Resonanz und Wirkung in der Branche nehmen nicht im gleichen Maß zu.
Willkommen in der Epoche der Content-Inflation.
Wenn jedes Unternehmen publiziert
Der Begriff „Content Shock“, der vom US-amerikanischen Marketing-Experten Mark Schaefer 2014 geprägt wurde, beschreibt ein grundlegendes Dilemma: Die Menge an verfügbaren Inhalten wächst schneller als die menschliche Aufmerksamkeit, die für deren Konsum zur Verfügung steht.
Genau diese Entwicklung verschärft sich durch generative KI. Unternehmen können heute schneller und günstiger Blogbeiträge, Social-Media-Posts, Newsletter und Whitepaper erstellen. Damit steigt aber nicht automatisch der Wert jedes einzelnen Inhalts. Im Gegenteil: Je größer das Angebot an ähnlichen Inhalten wird, desto schwieriger wird es, herauszustechen.
Die Folge ist eine Art Content-Inflation:
👉 Es gibt mehr Beiträge, aber weniger echte Aufmerksamkeit.
👉 Es werden mehr Themen bespielt, aber weniger davon bleiben im Gedächtnis.
👉 Redaktionspläne wachsen, während Prioritäten verschwimmen.
👉 Immer mehr Inhalte werden veröffentlicht, weil ein Slot frei ist. Und nicht, weil sie einen relevanten Beitrag leisten oder einen Informationsbedarf decken.
Das Problem liegt also nicht darin, dass Unternehmen zu viel kommunizieren. Sondern darin, dass zu viele Inhalte austauschbar geworden sind.
Der Wert von Content entsteht nicht durch seine Existenz
Content entwickelt seinen Wert erst dann, wenn er bei den richtigen Menschen etwas auslöst: Interesse, Vertrauen, Zustimmung, Widerspruch oder eine konkrete Handlung.
Besonders bei Content Marketing im B2B-Bereich wird dieser Punkt häufig unterschätzt. Viele Inhalte sind sachlich korrekt, professionell formuliert und formal gut aufbereitet. Trotzdem hinterlassen sie kaum Eindruck. Sie erklären, informieren und optimieren. Aber sie lösen keine emotionale Reaktion aus und bleiben nicht im Gedächtnis. Sie schaffen keinerlei Mehrwert.
Dabei bedeutet Emotion nicht zwangsläufig Unterhaltung oder große Inszenierung. Auch ein nüchterner B2B-Beitrag kann emotional relevant sein, wenn er ein echtes Problem präzise beschreibt, eine überraschende Perspektive eröffnet oder dem Leser das Gefühl gibt: „Genau das erleben wir gerade.“
Relevanz entsteht dort, wo Content eine Verbindung herstellt zwischen dem Thema eines Unternehmens und der konkreten Situation seiner Zielgruppe.
Drei typische Symptome für den Content Shock
Drei klassische Anzeichen für diese Entwicklung tauchen im B2B Content Marketing mit schöner Regelmäßigkeit auf:
1. Der Redaktionsplan ist voll, aber niemand weiß genau, warum
In vielen Teams werden Themen laufend ergänzt, aber selten gestrichen. Ein neuer Trend kommt hinzu, ein weiterer Kanal wird bespielt, ein zusätzlicher Content-Pfeiler definiert. Mit der Zeit entsteht ein umfangreicher Redaktionsplan, der Aktivität dokumentiert, aber keine klare Priorität mehr erkennen lässt.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr: „Was sollten wir veröffentlichen?“ Sondern: „Was davon verdient tatsächlich unsere Zeit und Aufmerksamkeit?“
2. Ähnliche Inhalte konkurrieren miteinander
Wenn mehrere Beiträge dieselbe Botschaft aus leicht unterschiedlichen Perspektiven wiederholen, entsteht keine stärkere Präsenz oder höhere Reichweite, sondern häufig das Gegenteil. Kannibalisierung. Die Inhalte konkurrieren um dieselben Zielgruppen, dieselben Suchbegriffe und dieselbe interne Aufmerksamkeit.
Mehr Veröffentlichungen führen dann nicht zu mehr Wirkung. Sie verteilen die Wirkung nur auf immer kleinere Einzelteile.
3. Erfolgreiche Inhalte werden nicht weiterentwickelt
Viele Teams produzieren im B2B-Content-Marketing kontinuierlich Neues, obwohl bereits wertvolle Inhalte vorhanden sind. Ein älterer Beitrag wird nicht aktualisiert, ein gutes Webinar nicht als Serie weitergedacht und eine starke These nicht auf andere Formate übertragen.
So entsteht ein paradoxer Zustand: Das Unternehmen produziert immer mehr Content, nutzt aber den vorhandenen Content immer weniger strategisch.
Ein einfaches Prüfmodell für bessere Entscheidungen im B2B Content Marketing
Um Content-Inflation entgegenzuwirken, braucht es nicht zwangsläufig weniger Kreativität, sondern einfach bessere Entscheidungen. Ein praktikables Prüfmodell basiert auf drei Fragen:
1. Relevanz: Ist das Thema für unsere Zielgruppe wirklich wichtig?
Ein Thema kann aktuell, interessant oder intern beliebt sein und trotzdem wenig Relevanz für die Zielgruppe besitzen.
Prüfen Sie deshalb:
👉 Welches konkrete Problem adressiert der Inhalt?
👉 Für wen ist dieses Problem in welcher Phase der Customer Journey relevant?
👉 Warum ist das Thema gerade jetzt wichtig und informativ?
👉 Welche Konsequenz hat es, wenn die Zielgruppe nicht handelt?
Je konkreter die Antworten, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Inhalt Aufmerksamkeit verdient.
2. Differenzierung: Warum sollte gerade dieser Inhalt beachtet werden?
Ein weiterer Beitrag zu einem bekannten Thema braucht einen klaren Grund, um wahrgenommen zu werden. Differenzierung kann durch eine eigene These, neue Daten, praktische Erfahrung oder eine ungewöhnliche Perspektive entstehen. Man nennt das den Sweet Spot.
Fragen Sie sich:
👉 Was ist an diesem Inhalt anders als an bereits verfügbaren Beiträgen?
👉 Welche eigene Erfahrung oder Haltung bringt unser Unternehmen ein?
👉 Gibt es einen konkreten Beleg, Zahlen und Fakten, ein Beispiel oder eine Perspektive, die andere nicht liefern?
👉 Würde die Zielgruppe den Inhalt vermissen, wenn es ihn nicht gäbe?
👉 Haben wir überhaupt die Ressourcen, um diesen Inhalt erstellen zu können?
Wenn die Antwort auf mehr als eine Frage „nein“ lautet, ist das ein wichtiges Signal dafür, dass man die Strategie hinter der Content-Erstellung evaluieren muss.
3. Strategischer Beitrag: Zahlt der Inhalt auf ein Ziel ein?
Nicht jeder wertvolle Inhalt muss direkt verkaufen oder der Leads generieren. Aber er sollte einen strategischen Zweck erfüllen. Er kann beispielsweise Vertrauen aufbauen, Expertise sichtbar machen, eine Kategorie besetzen, ein konkretes Gespräch anstoßen oder eine Entscheidung vorbereiten.
Dabei hilft die Frage:
Welchen Beitrag leistet dieser Inhalt zu unserem übergeordneten Ziel?
Wenn sich dieser Beitrag nicht benennen lässt, ist der Inhalt möglicherweise nur deshalb im Redaktionsplan, weil er dort schon immer stand.
Was soll gestrichen, geschärft oder reaktiviert werden?
Das Prüfmodell führt zu drei möglichen Entscheidungen.
Streichen: Content ohne ausreichende Relevanz, Differenzierung oder strategischen Beitrag muss nicht zwangsläufig produziert werden. Ein leerer Redaktionsslot ist besser als ein weiterer austauschbarer Beitrag.
Schärfen: Manche Themen sind grundsätzlich relevant, aber zu allgemein formuliert. Sie brauchen eine klarere Zielgruppe, eine stärkere These oder einen konkreteren Anwendungsfall.
Reaktivieren: Bereits vorhandener Content kann oft mehr leisten, als bisherige Ergebnisse vermuten lassen. Ein guter Beitrag lässt sich aktualisieren, vertiefen, neu distribuieren oder in andere Formate übersetzen.
Das wird gerne übersehen: Content-Strategie bedeutet nicht nur, neue Inhalte zu planen. Sie bedeutet auch, Entscheidungen gegen neue Inhalte zu treffen und vorhandene Inhalte besser zu nutzen.
Relevanz statt Geschwindigkeit
Künstliche Intelligenz wird die Menge an Content weiter erhöhen. Das macht Geschwindigkeit zwar zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil, aber nicht zum entscheidenden.
Die entscheidende Fähigkeit wird darin liegen, zwischen Content zu unterscheiden, der nur existiert, und Content, der Wirkung entfaltet.
Wie lässt sich das auf die eigene Content-Landschaft anwenden?
In unserem 45-minütigen Webinar zur Content-Inflation geben wir konkrete Tipps, wie wir mit weniger Content mehr Impact schaffen. Am 21. Oktober um 11.00 Uhr.
Schauen Sie rein und beteiligen Sie sich an der Diskussion!
Das Ziel: weniger Erstellung von Content um des Contents willen. Und mehr Inhalte, die tatsächlich einen Unterschied machen.
Bernhard Fragner ist Content Manager bei AustriaContent. Martin Schwarz ist geschäftsführender Gesellschafter von AustriaContent.
